Folter für den Fortschritt
Sieben Stunden bis zum TodErinnerung an „Laika", die Hündin, die aus der Kälte kam und im Weltall verglühte.

Nein, dieses Ende hat die kleine Mischlingshündin nicht verdient, auch wenn sie eine herrenlose Streunerin im Moskauer Straßengewirr war - bis zu jenem Augenblick, als sie einem Hundefänger ins Netz ging. Der vermittelte ihr kein neues Zuhause, sondern lieferte sie in einem Institut ab, wo die Weißkittel der Weltraumwissenschaft Großes mit ihr vorhatten.
Und in der Tat: Heute ist sie weltberühmt, weil sie mit einer Rakete im Sputnik-2-Satelliten hoch oben im Weltall die Erde umrundete. Bücher und Gedichte, Filme und Lieder erinnern an die Hündin, die alle unter dem Namen „Laika" kennen. Dabei ist das gar nicht ihr Name. „Laika" ist die Bezeichnung einer Hunderasse, die hoch im kalten Norden Rußlands, auf der Halbinsel Kola, die Jäger auf der Pirsch begleitet. „Laika" heißt im Russischen soviel wie „Beller, Kläffer"t. Ihren eigentlichen Namen „Kudrjawka" oder „Löckchen" kennt kaum jemand.

Nach Bellen und Kläffen war „Laika" bestimmt nicht zumute, als die Weißkittel der Weltraum-Wissenschaft sie in einen Käfig sperrten, wo sie bis zu zwanzig Tagen aushalten mußte, um danach in einen kleineren Käfig zu kommen. Wieder tagelang. Und dann in einen noch kleineren und so weiter. Das grausame Spiel wiederholte sich, bis „Laika" an die bedrückende Enge der Kabine von Sojus-2 gewöhnt war. „Gewöhnt" ist in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Denn schon in den kleinen Käfigen vorher, hatte sie sich geweigert, Fäkalien auszuscheiden. Auch ein Hund entleert sich nicht gern im eigenen Ruhelager. Abführmittel sorgten dafür, daß sie...
„Laika" war auch nicht nach Bellen zumute, als sie in eine Zentrifuge gesperrt und mit diesem Tempo-Karussell herumgewirbelt wurde, bis der Herzschlag raste und der Blutdruck an die Schmerzgrenze stieg. So „vorbereitet" kam sie schließlich, verkabelt an Elektroden und Sensoren, die alle biomedizinischen Daten festhielten, in ihren Aluminiumsarg. Hier mußte sie, fest in ein Korsett geschnürt, alles hinnehmen, was für den Flug ins All hinzunehmen war. Startklar zur Reise ohne Wiederkehr!
Als Termin für den Start der Sojus-2-Rakete vom Weltraum-Bahnhof Baikonur war der 3. November 1957, 2:30 Uhr, vorgesehen. „Laika" mußte allerdings schon drei Tage vorher ihre Todeskammer beziehen.

Drei Tage Warten... Dann begann die Stundenuhr zu ticken, die ihr etwa dreijähriges Leben auslöschen sollte. Kurz vor dem Start hatten die Weißkittel Laikas Fell mit Alkohol abgerieben und die Scheuerstellen mit Jod abgetupft. Alles lief programmgemäß. Mit dröhnendem Fauchen und einem langen Feuerschweif hob die Rakete pünktlich ab, erst langsam, dann immer schneller werdend, um sich schließlich mit rasender Beschleunigung als Glühwürmchen unter die Sterne des Nachthimmels zu mischen.
Wir wissen nicht, mit welchem Schrecken „Laika" registrierte, wie die Vibrationen und der tosende Lärm in der Rakete ihr feines Gehör betäubte; wir wissen nicht, was sie fühlte, als eine unheimliche Kraft ihre 6 Kilo Körpergewicht in die Siele preßte, bis schließlich die Schwerkraft der Erde zu schwinden begann und die bodenlose Schwerelosigkeit neue Ängste in ihr hochkommen ließen. Wir wissen nur eins: Von jetzt ab zählte in ihrem kleinen Hundeleben jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde.
Der Tod schlich zu „Laika" in die Kabine, als die Hitzeabschirmung nach und nach von den Wänden fiel und die Stunden verrannen. - ...7...6...5... - Die Wärme begann sich zur Hitze zu steigern und mit ihr steigerte sich die Angst und der Streß. Die Temperatur stieg und stieg - ...4...3... - unaufhörlich um einige Grad an, bis sie um die 40 Grad, zuviel für die tapfere und wehrlose „Laika"! Das Bodenpersonal verfolgte das Drama im Orbit bis kein Lebenssignal mehr auf der Erde ankam ...2...1...Zero...

Nachtrag: Oleg Gazenko, der Raketentechniker, der „Laika" auf die Mission ins All vorbereitete, soll 41 Jahre später bekannt haben: Je mehr Zeit vergeht, desto mehr tut mir die Hündin leid...
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