Ich bin nur noch eine Nummer...
Ich bin sehr traurig und enttäuscht…Ich habe einen namen, bin 84 jahre alt und habe ein schweres aber schönes leben hinter mir. Jetzt liege ich seit 15 tagen in einem krankenhaus und bin nur noch eine nummer…zumindestens für die meisten des dort arbeitenden personals.

Warum ich hier jeden tag aufs neue um’s überleben kämpfe, das will ich Ihnen schreiben:
Ich bin 1921 geboren, habe den krieg überlebt, wenn auch mit einigen seelischen macken. 45 jahre habe ich schwer im schichtbetrieb gearbeitet, nebenbei allein 2 kinder mit viel liebe gross gezogen und mich nie unterkriegen lassen. Mein grösster stolz ist meine tochter, gefolgt von einer meiner enkeltöchter. Habe übrigens 3 enkeltöchter und noch zwei urenkelkinder.
Nie hat mich etwas aus der bahn geworfen...bis ganz schleichend mich eine tückische krankheit heimsuchte. Seit nun mehr fast 15 jahren leide ich an einer form der alzheimer-erkrankung und sie setzt mir sehr zu. Man beginnt zu vergessen, erst nur kleinigkeiten, mit der zeit, weiss man nicht mehr, ob man schon gegessen hat oder nicht, ob man noch zuhause wohnt oder nicht, ob man 2 kinder hat oder keine, wie wer heisst, wie alt ich bin, wo ich wohne und das steigert sich von tag zu tag…es wird schlimmer ständig…und gefährlicher. Ich musste hilfe annehmen, ständiges pflegepersonal, welches sich 4 mal täglich zuhause um mein wohl kümmerte, nebenbei war mehrmals täglich eines meiner familienmitglieder zur stelle…ich wurde auch körperlich schwächer, stürzte immer öfter, mehrmals bin ich nur knapp dem tod entronnen, weil ich mal wieder vergass den herd auszustellen oder ich ging in die welt hinaus und wusste plötzlich nicht mehr, wer ich bin und wo ich wohnte.
Oft machte ich zuhause grosse sauereien, weil wieder eine meiner krampfadern unter meiner so dünnen haut an den füssen aufplatzte und schon fast literweise blut in meiner wohnung verteilte…wenn meine „kindings“ (das ist meine tochter und eine meiner enkeltöchter) dann die sauereien beseitigten, mag so mancher passant draussen auf der strasse gedacht haben, ‚oohh, hier ist ein mord gescheh’n’. Natürlich war es nicht an dem, aber ich vergass ja auch immer wieder, dass ich dies und das nicht tun soll und dachte immer, dass ich alles richtig mache. Nie haben mich meine kindings dafür gestraft, wussten sie doch genau, dass es keine absicht war. Meine grösste angst und diese angst hegte ich schon seit jahrzehnten, dass ich irgendwann mal so schwach bin, dass ich nicht mehr zuhause wohnen kann, sondern in ein pflegeheim umziehen muss. Meine kindings versprachen mir jahrelang, dass es nicht soweit kommen würde…kümmerten sie sich doch so intensiv um mich…tage-und nächtelang. Oft entschuldigte ich mich bei ihnen…ach, sie wussten nur zu gut, dass es mir wirklich leid tat…wie oft brachen wir gemeinsam in tränen aus, weil es uns allen so sehr leid tat.
Eines tages im dezember 2002 - zuvor lief es schon wochenlang sehr schlecht mit mir, weil ich immer schwächer wurde – stürzte ich früh gegen 4 uhr auf dem weg zur toilette…diese schmerzen…sie waren unerträglich…und ich kam nicht mehr auf die beine. Stundenlang (bis halb sechs) wartete ich auf hilfe, ich konnte es nicht mehr halten…ich musste pieseln, und alles tat so weh. Dann endlich…meine tochter…
Alles ging dann sehr schnell…krankenhaus…diagnose: nasenbeinbruch, schulterbruch, angebrochener oberschenkelhals und diverse schwere prellungen. Nach einer woche wurde ich schon verlegt zu den „alten“, die nicht mehr nach hause können…
Nein, ich wurde nicht operiert…man hoffte, dass alles wieder allein zusammen wachsen würde. Vielleicht wäre es auch geschehen, wenn man besser auf mich aufgepasst hätte !!! Schon nach einer weiteren woche fiel ich aus meinem krankenhausbett und mein oberschenkelhals zerbrach vollständig. Ich wurde auch jetzt nicht mehr operiert, war schon zu schwach…ich hätte es nicht überlebt…und ich hätte eh keine kraft mehr gehabt, um neu laufen zu lernen.
Es war der zeitpunkt gekommen, ich würde nie mehr nach hause zurück kehren…und ich verstehe es…meistens zumindestens. Meine kindings müssen arbeiten, den vermieter interessiert es nicht, woher die mietzahlungen kommen, sie müssen ihre eigenen familien ernähren, beim besten willen und auch bei der grössten liebe, es wäre nur schwer zu realisieren gewesen.
Nach intensiven suchaktionen und tiefgründigen recherchen fanden meine kindings dann ein pflegeheim, welches sich in der nähe befand und nicht nur trist und grau erschien. Dort zog ich ein, am 23.dezember 2002.
Wie oft entschuldigten sich meine kindings bei mir, dass sie nun meinen allergrössten wunsch ignoriert hatten und mich dorthin „gesteckt“ hatten…ich kann es nicht mehr zählen. Ich spürte und dass ständig, dass sie mich liebten und lieben und es mir so gut wie möglich gestalten wollten…mein leben im alter…
Die zeit verstrich, ich litt anfangs sehr, aber die fast täglichen besuche meiner kindings halfen mir enorm…ich wurde heimisch, vergass ich doch in meiner krankheit, wo wirklich mein zuhause ist…ständig erzählte ich, was ich für ein schönes zuhause hätte…
Ich konnte zwar nicht mehr laufen, aber so ein leben im rollstuhl ist auch erträglich und wenn es jemanden gibt, der auch auf meine bedürfnisse hört, dann ist auch alles „in butter“. Ich nahm also weiter teil am leben…oft war mir hektik, lärm und feiern viel zu viel…ich konnte es nicht verarbeiten…am meisten genoss ich die besuche meiner kindings, dann gab es kuchen und eis ohne unterlass, ich konnte erzählen stundenlang (auch wenn es meist zusammenhanglos war, weil mein verwirrtes gehirn nichts mehr auf die reihe bekam) und man hörte mir zu….wundervoll…so hätte es bleiben können.
Mehrmals gab es reibereien zwischen meinen kindings und dem personal, lies mich doch dieses personal oft in meinen vollen windeln stundenlang sitzen…dabei äusserte ich mich und sagte, wenn ich mal muss zur toilette. Nun ja, es wurde zunehmend besser und alles hätte so schön sein können…
Bis zum 11.Juni 2005 - gegen 13 uhr… in meinem rollstuhl sitzend (in dem ich immer angegurtet war, um nicht aus ihm raus zufallen) bewegte ich mich oft (trotz angezogener bremsen) milimeterweise durch die flure meiner wohneinheit. Was nicht weiter schlimm ist, vorausgesetzt das pflegepersonal schaut auch mal nach mir. An diesem besagten Samstag war irgendwie alles anders. Plötzlich stand ich mit meinem rollstuhl vor der treppe und eh ich mich versah, stürzte ich diese auch schon hinab…Ich weiss nicht, wie ich dorthin kam, ich weiss nichts…ich bin doch krank…
...Warum hat niemand auf mich aufgepasst????...
…ich glaub’, ich bin tot…
Schmerz, schmerzen … unerträglich…nicht zu vergleichen mit meinem damaligen sturz zuhause … war doch nun noch der rollstuhl an mir dran…kopfüber krachte ich 8 stufen hinab…
Ich war nicht tot…krankenhaus…schon nach 5 minuten in der notaufnahme nahmen meine kindings meine hände und hielten sie fest…sie waren bei mir und wichen auch für die nächsten stunden nicht von meiner seite…
Wieder nasenbeinbruch, schädel-hirn-trauma, riesige platzwunde über dem rechten auge (mein auge war schon so zugeschwollen, dass ich aussah, wie ein mensch, den man sonst nur in der presse findet nach einem unfall), brustkorbprellung, beide kniee schwer geprellt (sie waren schon fast so dick wie meine oberschenkel), sprunggelenk am fuss angebrochen, hämatome am ganzen körper…ich sah einfach nur sch… aus, vielleicht sah ich auch aus, wie tot….und hilfe, alles ist so laut hier, so grell, so hell, so angsteinflössend…ich will nach hause…
Mein leben hing am seidenden faden. Meine enkeltochter hielt mir grad die hand, als mir so kotzübel wurde…sie nahm mich in ihren arm, stützte mich und fing mit ihren blossen händen mein erbrochenes auf, welches fast nur aus blut bestand…Stundenlang erbrach ich mich…und doch war ich eigentlich viel zu schwach dafür.
Mein linkes knie schwoll immer mehr an, die haut darüber begann zu reissen…ich musste operiert werden, sonst wäre meine haut abgestorben…
Abends gegen 21 uhr wurde ich operiert…und es war so schrecklich, denn dort durften meine kindings mir nicht mehr die hand halten, mich nicht mehr trösten, mich nicht mehr küssen…
Als ich erwachte auf der intensiv-station, da erblickte ich sie wieder…freu…aber ich schlief gleich wieder ein…
Am nächsten tag ging es mir körperlich noch immer sehr schlecht…ich hing an tausend maschinen…aber meine kindings…sie nervten solange bis ich wenigstens ein halbes babygläschen zu mir nahm…sie wollten, dass ich lebe…ich sprach viel…nur durcheinander, aber ich sprach…
Nach 4 tagen auf der wachstation wurde ich verlegt auf die station der unfallchirurgie. Zu jeder mahlzeit (d.h. mindestens 4 mal am tag) war eins meiner kindings bei mir…sie fütterten mich…sie säuberten mich…sie sprachen mit mir…sie beobachteten wie ich schlief…sie waren fast immer da…sie lieben mich und wollen nichts mehr, als das es mir wieder gut geht…
Und ich? … Ich weiss nicht, wie es geschah, warum es geschah…ich begann die nahrung zu verweigern, ich hörte auf zu sprechen, ich war nicht mehr da….
Seit nun mehr 10 tagen liege ich in meinem krankenhausbett und dämmere vor mich hin…ich öffne manchmal für einige minuten eines meiner augen, schaue in ein mir vertrautes gesicht und doch bin ich nicht mehr da…meine blicke wandern ziellos durch den raum…ich werde gerufen…ich werde gebettelt…mein herz schlägt…und doch bin ich irgendwie tot…ich seh die verzweifelten tränen meiner kindings…aber ich kann sie nicht trocknen…Meine lieben, sie bitten mich - immer und immer wieder - ich soll essen, ich soll trinken, ich soll sprechen…ich benötige mehr als eine stunde für eine scheibe toast…getränkt in tee und in mini-würfeln, ich esse einen teil meines pürierten mittags in zwei stunden…löffelchen für löffelchen, ich trinke eine halbe tasse tee (50 ml) in zwei stunden…es fällt mir alles so schwer…und das alles tu ich nur, weil sie mich so lieben – meine kindings…sind sie mal nicht da zu einer mahlzeit…dann kann sich das krankenhaus-personal drehen und wenden, wie es will…ich mach den mund nicht auf…
Sterbe ich nun ? Nichts weiss ich, meine kindings auch nicht, die ärzte (die total überfordert sind mit ihrem job, weil sie einfach zuuu viele patienten haben) stellen vermutungen an…vielleicht ist es der schock… vielleicht das blutgerinnsel, welches sich in meinem kopf gebildet hat und nicht kleiner wird…vielleicht …vielleicht…vielleicht…
Nun bin ich eine nummer in einer krankenhausakte, die zu schwach zum leben ist und zu stark zum sterben…
Fortsetzung…27.Juni 2005…
Es ist 9 uhr…visite…ich höre stimmen…aufgeregte stimmen…durcheinander…ein mann spricht mit mir…er sagt, dass die haut auf meinem knie schon tot sei, auch das fleisch darunter…nekrose….op sofort.
Ich habe angst…bitte, was passiert hier?....10 uhr…meine tochter kommt…sie ist nun bei mir…spricht mir gut zu…will mir die angst nehmen…tröstet mich…und weint…Sie nervt nicht wegen essen oder trinken…muss ja nüchtern bleiben wegen der op…es ist zwölf uhr…nichts…warten auf einen op-termin…
Hmmm, sollte ich nicht sofort operiert werden ? …15 uhr…warten…meine tochter wird immer unruhiger…auch sie hat angst…mein knie…immer wieder platzt diese schwarze tote haut auf…eiter läuft und läuft…und warten…
18 uhr…nichts…doch, meine enkeltochter kommt…sie musste arbeiten, kam nicht eher weg…sie küsst mich…sie herzt mich…immer wieder lacht sie mich an…versucht mich aufzuheitern…ich muss lächeln…
Aber wie war das? Sollte ich nicht sofort operiert werden?...was ist denn sofort?...19 uhr…nichts…warten…
Meine tochter weint…sie spricht mit meiner enkelin…denkt, dass ich sie nicht hören kann…sie weint und weint…sie hat angst, sie ist wütend…ich höre wortfetzen: ‚sie ist so schwach…wird sie die op überleben?...bin den ganzen tag nicht von ihrer seite gewichen...vielleicht sind es ihre letzten stunden hier auf der erde…ich bin so wütend…diese besch… pflegeheim…warum tun sie das alles meiner mutti an?'…
Hmmm, sie hat ja so recht…hier lieg ich nun…und ich frage mich: WARUM?
Meine enkeltochter ist cool wie immer…sie baut uns alle auf…sie nimmt uns die angst…sie WEISS, dass ich diese op überleben werde…sie lächelt hoffnungsvoll immer wieder….
20.30 uhr…op….mir wird ganz schwummerig…warum ist es hier so hell…so laut…so kalt…wo sind meine kindings….????
Ich spüre sie…vor der tür…meine kindings…sie warten…
21.30 uhr…ich lebe noch…alles, was tot war, wurde heraus geschnitten…mein knie ist jetzt offen - hat ein loch...zwei tage abwarten, ob sich noch mehr totes fleisch bildet…eine zweite op steht an…haut soll transplantiert werden…
Die tür vom op-saal öffnet sich…ich bin sehr angespannt…aber ich atme…und ich werde geküsst…meine enkelin sie küsst mich ganz zart auf die wange…sie muss nichts sagen…ich spüre, dass sie es ist…
Bin sooo müde…muss schlafen…
04.Juli 2005
...nie wieder werde ich so sein, wie ich es mal war...zu gross waren die strapazen, die mein körper und mein geist auf sich nehmen mussten...
...mehrmals täglich dringen mir bekannte liebevolle stimmen und berührungen in meine seele ein...
...ich spüre sie, ich höre sie...und doch...kann ich sie nicht erwidern...
Mittwoch, 07.Juli 2005
...ich darf wieder nach "hause"...zurück ins heim...
...der chefarzt war gestern da...mein knie heilt...auch ohne op...ich hätte eine gute heilhaut...sagt er...
...alles andre wird nicht wieder so wie mal war...das blutgerinnsel hat sich nicht verändert...dieses hatte auch einen schlaganfall ausgelöst...so seine erklärungen...
...ich müsse alles neu erlernen...
...mein herz ist sehr schwach...er meint, es würde einfach aufhören zu schlagen...und das schon bald...
...was soll das?...wozu habe ich die letzten wochen so sehr gelitten?...warum hat es nicht gleich aufgehört zu schlagen?...
...ich bin 84 jahre alt...ein leben lang habe ich gekämpft...und so ist es auch jetzt...ich will doch leben...
...als ich heut ins heim zurückkehrte war dort schon meine tochter...sie hielt mir die hand....hatte ich doch solche angst...und habe sie auch jetzt noch...
...liege in meinem bett...angewiesen auf jede helfende hand...angewiesen auf jedes liebe wort...angewiesen auf alles und jeden...
...ohhh ja...das macht mir angst...ich sehne mich nach jedem besuch meiner kindings...nur dann fühl ich mich sicher...
...meine enkelin konnte erst abends kommen...aber sie hat mich wie immer angelächelt...mir erzählt, wie lieb sie mich hat...und ich?....
...ich habe sie angelächelt...
13.Juli 2005
Seit einer woche bin ich wieder "zuhause"...und zum teil ist das eingetreten, wovor meine enkelin solch riesige angst hatte...sicher, das personal im heim lässt es mich immer wieder spüren, dass sie sich "schuldig" fühlen...aber leider viel zu selten...
Vorbei ist die zeit der regelmässigen mahlzeiten, des "gut-zuredens", dass ich doch bitte trinken soll...vorbei die zeit des "händchen-haltens"...vorbei die zeit, in der mein körper wieder an gewicht gewann.
Nein, es liegt nicht an meinen kindings...sie sind nach wie vor tag für tag bei mir...nicht mehr so lang...nicht mehr zu jeder mahlzeit...haben sie doch noch ein eignes leben und eigene bedürfnisse...nein, das werfe ich ihnen nicht vor.
Es sind nur sieben tage wieder hier und doch soll es wieder bergab gehen, meiner enkelin wurde gestern "eröffnet", das man gedenkt, mich an eine sonde "zu hängen", weil ich ja zu wenig trinken würde...
Protest von meinem sonnenschein...es kam zu diskussionen...weiss sie doch, dass ich trinke, wenn man nur ein bisschen geduld und zeit aufbringt...ach, meine kleine...der zorn trieb ihr die tränen in die augen...und...
dieses "sonden-vorhaben" wurde erstmal vertagt...
Ja, man will sich mühe geben...man wird abwarten...
Seit heute kommt jeden zweiten tag eine dame vom hospiz...sie soll mich begleiten....wohin?
Diese frau kommt, weil das heim so sein schlechtes gewissen beruhigen will...und...weil sie so wieder etwas an zeit an mir sparen können...so empfinde ich diese "aktion"...und nciht nur ich empfinde es so...
Was soll ich davon halten?...es macht mir angst...
Gestern auch war nun endlich ein gutachter da, der schauen soll, ob ich denn wirklich einen pflegerollstuhl gebrauchen könnte...ob er sich noch lohnt für mich...
Was soll das alles?....bin ich ein menschliches wesen, welches bedürfnisse und gefühle hat oder bin ich nur eine ware, eine sache, ein ding???
Egal von welcher seite man diese geschichte hier betrachtet....die unmenschlichkeit unseres systems schreit aus jedem dieser worte...
16.Juli 2005
...ich bin sehr müde...schlafe fast den ganzen tag...
...als meine enkelin heut zum abendbrot kam, fiel es mir sehr schwer die augen zu öffnen...geschlagene zwei stunden fütterte sie mich...eine scheibe brot und eine tasse tee...es ist alles so anstrengend für mich...meine zeit hier auf der erde ist abgelaufen...ich will nicht mehr...aber der liebe gott holt mich nicht zu sich...noch nicht...
18.Juli 2005
...ich bin sehr traurig...seit zwei tagen war keines meiner kindings bei mir...
19.Juli 2005
...heute ist ein schöner tag...meine enkelin ist da...wir essen gemeinsam zu abend und ich spreche sogar ab und zu einige worte...meine kleine lacht darüber...sie freut sich, dass ich wenigstens manchmal ein bisschen am leben teilnehme...
11.August 2005
...hier endet nun meine geschichte...nein, der liebe gott hat mich noch nicht zu sich geholt...es gibt gute tage und es gibt viele schlechte tage...ich werde nie wieder so sein, wie ich mal war...mein kopf schafft das nicht mehr...mein herz ist alt und schwach...mein leben besteht nur noch aus den tagen, an denen mich eines meiner kindings besucht...da lacht mein krankes herz...
...was am 11.juni 2005 geschehen ist, ist unverzeihlich...sicherlich wird dieser tag noch ein juristisches nachspiel für das zu der zeit diensthabende pflegepersonal haben, aber was nützt es mir??...NICHTS....ich bin kaputt, traurig, zerstört und es ist nur noch ein warten auf das erbarmen gottes...
20. Oktober 2005
...Nachtrag...ICH bin selbst schuld an allem...ich habe mich in sekunden mit meinem rollstuhl in richtung tür bewegt, diese geöffnet und bin dann mit voller absicht die treppen hinunter gestürzt...ja, jetzt erinnere ich mich wieder...so muss es wohl gewesen sein...
...aber nein, im ernst...dem pflegepersonal konnte weder mangelnde aufsichtspflicht noch schwere körperverletzung nachgewiesen werden...mein krankheitsbild birgt solch risiken in sich...es ist ein bedauerlicher unfall...
...meine familie und ich sind sehr enttäuscht über solch kaltherzigkeit und fehlendem rechtsbewusstsein...wir streben nun noch eine zivilklage an...allerdings wird diese zwar eine schmerzensgeld-entschädigung bringen, aber an den zuständen in deutschlands pflegeheimen wird das auch nichts ändern...und mir - MIR wird es auch nicht helfen!!!
Anmerkung des autors
...auch heute - fast 5 monate nach diesem schrecklichem "unfall" geht es meiner omi sehr sehr schlecht...sie wird nie wieder so werden wie sie vor dem "unfall" war...am härtesten trifft es mich, wenn das pflegepersonal zu mir sagt: "Na sehen Sie, Ihre Omi ist doch schon fast wieder die alte."...
...oft wünsch ich mir dann, diese menschen einfach zu ohrfeigen für so viel kaltblütigkeit und ignoranz...
....ich habe lange zeit keine "unfall"-bilder ins netz gestellt...nun ist es an der zeit dies zu tun...wir wollen den weg über die öffentlichkeit gehen, weil es ein unding ist, dass "sturz-protokolle" im heutigen alltags-leben in deutschlands pflegeheimen zur tagesordnung gehören...

20.Januar 2006
...der liebe gott will mich nicht...noch nicht...nach weiteren höhen und tiefen...einer weiteren op..."lebe" ich nun noch immer in diesem heim...die menschen dort versuchen gutzumachen, was nie wieder gutzumachen ist...an manchen tagen spreche ich einige verwirrte worte...an anderen tagen bin ich in einer anderen welt...in gut einem monat werde ich 85 jahre...
27. August 2006
...nun leb ich immer noch...an manchen tagen hellwach, wirres zeug erzählend und doch irgendwie lebendig...an anderen tagen weit weit weg...in die leere blickend...kein wort...
...im februar 2006 bin ich 85 jahre alt geworden...meine lieben habe eine schöne partx mit mir gefeiert und es war ein wirklich schöner tag...
...heute war meine "kleine" da...sie war sehr ärgerlich...aber nicht über mich...über mich hat sie sich sehr gefreut, immerhin habe ich auch fast immer schön gegessen und getrunken und damit auch schön zugenommen...nein, sie war sehr ärgerlich über das hier arbeitende personal...unfreundlich, ständig überfordert, nicht bereit ein gespräch mit ihr zu führen...dabei will meine kleine doch nur, dass ich mich wohlfühle...sie hat jetzt einen termin mit der heimleitung für kommende woche ausgemacht...damit mal endlich jemand mit ihr spricht...
...viele dinge, die in den ersten monaten nach meinem "unfall" funktionierten, klappen plötzlich nicht mehr...z.b. gibt es immer schon um 17 uhr abendbrot und um 18 uhr muss ich ins bett...gefragt werde ich nicht, ob ICH das will...
...da meine kleine immer ziemlich spät kommt, so gegen 16 uhr, gab es heut gleich wieder stress...denn sie geht dann immer mit mir schön dicken kuche essen...aber wie kann sie sich das wagen so kurz vorm abendbrot?...deshalb hat das personal heut mit ihr gestänkert...aber ich vermute, die haben nur angst, dass ich endlich wieder zunehme und dann bin ich ihnen bestimmt zu schwer und zu "unhandlich"...ganz abgesehen davon, müsste das personal ja langsam wissen, denn ich wohne ja hier schon einige jahre, dass ich nach einem schönen kuchen auch noch locker ein brot vertilgen kann...aber irgendwie wollen die das alles nicht wissen...sie sind z zt wirklich nicht sehr nett....
...na, mal sehn, was das gespräch mit der heimleitung bringt...
...zumindestens habe ich die stunden mit meiner kleinen wieder sehr genossen...wir waren schön spazieren, die sonne lachte und ich habe gemerkt, wie sie mich immer wieder verstohlen beobachtete und mir fragend in meine trüben, müde augen schaute...erzählen konnte ich heut nicht...aber dafür haben wir uns immer wieder dicke bussis geschenkt...ich freue mich schon, wenn sie wieder kommt...
anmerkung des autors
...was sieht man in diesen müden, trüben augen??...ich meine, dass ich angst gesehen habe, aber auch hilflosigkeit und überforderung...trotz allem aber auch irgendwie nachdenklich...aber wissen tu ich es nicht...ich weiss nicht, was in ihrem kopf vor sich geht...was würde ich alles tun, um ihre gedanken lesen zu können?!...
Oktober 2006
...im september 2006 wurde ich wieder in ein krankenhaus eingeliefert...wieder war ich nur eine nummer...mit 2 tagen 40 fieber und schüttelfrost...
...diagnose: wundrose...ich schwebte zwischen himmel und erde...wie immer...waren sie da...meine kindings...ohne sie wäre ich wohl schon nicht mehr hier...wieder ging es los mit stundenlangen überredungen...ich solle doch essen...
...dem personal habe ich entweder gar nicht den mund geöffnet oder aber sie angespuckt...
...es waren zwei schwere wochen...nicht nur für mich...
...entlassen wurde ich mit einer harnwegsinfektion und einer leichten bronchitis...
...heute 5 wochen nach meinem letzten krankenhaus-aufenthalt geht es mir wieder ganz gut...zumindestens muss ich nicht mehr den ganzen tag im bett liegen...ich esse wieder...und so manches mal schocke ich meine kindings mit hellwachen momenten, in denen ich ihnen erzähle, was ich so denke...
...nun bin ich zum x-ten mal dem tod von der schippe gesprungen...ich werd wohl doch noch 100 jahre alt...
15.April 2007
...nun bin ich schon 86 jahre alt...ich bin noch da, aber ich "lebe" so vor mich hin...ich weiss nicht, ob das "leben" ist...???
25.Juli 2007
...und ich lebe und manchmal bin ich wirklich toll drauf :-)
03.Dezember 2007
...hallo, ich bin auch noch da ;-)...auch wenn es z.zt. nicht so toll mit dem essen und trinken klappt, habe ich in manchen situationen meinen humor noch nicht verloren...meine familie ist immer für mich da und das ist das wichtigste... ein schönes gefühl, geliebt zu werden...

03.April 2008
Im Februar diesen Jahres habe ich meinen 87. Geburtstag gefeiert. Irgendwie hat sich nichts verändert, an manchen Tagen bin ich weit weg und verschlafe fast den ganzen Tag, an anderen Tagen überrasche ich meine Lieben indem ich ihnen viel erzähle (wenn auch sehr wirr) und vor mich hinkichere.
Ich glaube meine Kleine hatte Recht, als sie vor einigen Jahren schon sagte "Du wirst bestimmt noch 100."
Ab hier übernimmt der Auto dieser Hp das Wort:
11.Februar 2009
Heute meine liebe Omi haben wir beide Deinen Geburtstag gefeiert und das wortwörtlich - du warst super drauf, wir haben sooo viel gelacht und diesen - deinen 88. - Geburtstag werde ich nie vergessen ! Danke für diesen schönen Tag !!!
09. Juli 2009
Als ich heute bei dir war, habe ich wieder mal gestaunt, wie hellwach du noch bist:
Ich erzählte dir von einem netten jungen Mann, den ich kennengelernt habe und dein Kommentar dazu war: "Bring ihn doch mal mit, in meinem Bett ist noch Platz . " ;-)
Später sprachen wir beide über viele Menschen, die dich und mich viele Jahre durchs Leben begleitet haben und plötzlich fingst du an zu schimpfen: "Dieser niederträchtige Kerl, er soll abhauen - ich will ihn nicht sehen !" und zeigtest immer zu gen Himmel. Du schimpftest was das Zeug hält, und ich konnte mir gar nicht alles merken. Ich fragte: "Von wem sprichst du?" Deine Antwort: "Na von dem da oben. " ... Ich weiß nicht von wem du sprachest, aber ich vermute es...
Schon lange konnte ich nicht mehr so viel mit dir reden wie heute - es war wie Weihnachten und Geburtstag auf einen Tag - ich wünsche mir noch viele solcher Tage und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass du irgendwann einmal - erst in vielen vielen Jahren - ganz ruhig und zufrieden die Welten tauschen kannst...
11. Februar 2010:
Happy Birthday to you.... 89 Jahre !!!! Alles Gute meine liebe Omi !
Leider bist du derzeit stark erkältet und mit Dir so ziemlich alle Mitbewohner. Trotz allem haben wir gemeinsam schön Kaffee getrunken und Torte gegessen. Alle Deine Lieben haben Dich heute besucht und mit Dir gefeiert.
04. April 2010:
Heute warst du sehr sehr müde...du bist noch nicht ein mal richtig wach geworden, als ich dich ständig wach küssen wollte...